Ein Gedicht, eine Stimmung – passend zum Moment

Ein Gedicht von Friedrich Schiller begleitet den Lord schon mehr als das halbe Leben. Das Gedicht spricht vom Leben. Es geht um die Sehnsucht und Angst vor dem Handeln. Sehnsucht hat der Lord jetzt „nur“ nach Frühling und den anderen Bildern aus seinem Garten. Das war aber nicht immer so.

So, der Gartenrundgang ist beendet. Die Vögel haben wieder die Futtervorräte aufgefüllt bekommen. Der Lord sitzt jetzt drinnen im Warmen. Und wie bedeutsam ist eben das Warme in diesen Tagen. Die Temperaturen stürzten in einer Nacht auf wirklich eisige Grade. Und es geht erst los. Bis zu Minus Achtzehn Grad werden die folgenden Nächte erreichen.

Ist alles ausreichend geschützt? Ein großer Kübelpflanzenumzug fand am Wochenende statt. Manches ist bestimmt zu wenig geschützt, kann aber nicht besser aufgehoben werden. Jetzt heißt es abwarten und zittern. Vor Kälte und der allgemeinen Stimmung draußen.

Dem Lord kam plötzlich ein Gedicht in den Sinn. Es begleitet ihn schon seit so vielen Jahren. Immer wieder einmal erwacht es in ihm und tritt in sein Bewusstsein.

Friedrich Schiller sinnierte darin über die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach etwas, das gerade nicht da ist.

Der heutige Anlass zur Erinnerung an dieses wunderschöne Gedicht war diesmal weniger eine Lebenssituation, wie es früher oft der Fall war. Heute ist es schlicht der Ausblick vom Garten und die Hoffnung auf ein baldiges Erwachen.

Sehnsucht

Ach, aus dieses Tales Gründen,
Die der kalte Nebel drückt,


Könnt‘ ich doch den Ausgang finden,
Ach wie fühlt‘ ich mich beglückt!

Kalt ist er wohl, der Nebel, der das Tal erdrückt. Der Lord erinnert sich an andere Zeiten. Den Frühling oder den Sommer. Eigentlich war der Winter schon fast ad acta gelegt. Aber dann zeigte die Natur, wer der Herr im Haus ist.


Dort erblick‘ ich schöne Hügel,
Ewig jung und ewig grün!

Früher im Leben zitierte der Lord still oft das Gedicht. Hat er doch, wie es das Leben eben so mit sich bringt, immer wieder Zeiten durchlebt, die genau dieses nebelerdrückte Tal real werden ließen. Allein die Aussicht auf „schöne und ewig grüne Hügel“ spornten ihn an und gaben Antrieb weiter zu machen. Waren Ziel und Motivation.


Hätt‘ ich Schwingen, hätt‘ ich Flügel,
Nach den Hügeln zög ich hin.


Harmonien hör‘ ich klingen,
Töne süßer Himmelsruh,

Und wie oft hat er es sich vorgestellt, wie anders so manches sein könnte. „Harmonien und Töne süßer Himmelsruh“. Was gibt es Beruhigenderes, wenn das Leben tobt?


Und die leichten Winde bringen
Mir der Düfte Balsam zu,

Seine rege Phantasie war ihm der Balsam bringenden Wind. Ist die Phantasie nicht oft hilfreich, und ein innerer Rückzugsort? Ein Platz aus Schutz und Geborgenheit?


Gold’ne Früchte seh ich glühen,
Winkend zwischen dunkelm Laub,

Und die goldenen Früchte waren seit jeher ein Spleen vom Lord. Seine Liebe zu Italien ist immer verbunden mit der Vorstellung von goldenen Zitronen, die in der Sonne wippen. Der Mediterrane Platz im Garten fußt auf dieser Idee.

Damals war das liebst Buch ein Kochbuch mit italienischen Rezepten der einzelnen Regionen. Was wurde das, um die Phantasie zu beflügeln, nachgekocht und genossen. Der passsende Wein war zur Verfügung. Immerhin arbeitete der Lord in einem Weinladen.


Und die Blumen, die dort blühen,
Werden keines Winters Raub.

Ja , auch das gibt es irgendwo in dieser schönen Welt. Ein Land ohne Winter und mit ewigen Blumen. Mittlerweile aber, die Jahre gingen ins Land und der Lord wurde älter und lebenserfahrener, schätzt er gerade diesen Wechsel. Wie oft schon schrieb er von der Freude, im Herbst das Vergehen zu beobachten. Immer mit der Gewissheit, dass ein Neuanfang nahe ist. Am Ende des Jahres merkt er, dass die Zeit reif ist für den Abschluss. Genau wie im Leben auch. Nichts ist ewig und manches Mal spürt er wohl, der Zeitpunkt ist gekommen. Es wird sich was ändern, eine Sache ist ab zu schließen. Umso freudiger und motivierter lässt sich dann das Neue angehen.



Ach wie schön muß sich’s ergehen
Dort im ew’gen Sonnenschein,


Und die Luft auf jenen Höhen
O wie labend muß sie sein!

Und wie viele Träume hat man so in seinem Leben? Wie viele Sehnsüchte? Und wenn man ankommt auf den „Höhen“ merkt man, dass die Vorstellung doch eine andere war, als die Realität. So hat auch der Lord einige seiner Sehnsüchte beiseite gelegt.

Oft genügt die Zeit, die verstreicht und man merkt, dass die Luft dort bestimmt nicht so labend ist, wie man sich das ausmalte.


Doch mir wehrt des Stromes Toben,
Der ergrimmt dazwischen braust,

Dieses Bild aber ist die Schlüsselstelle des Gedichtes. Wie ein Mantra rezitiert der Lord oft diese Zeilen. Man ist in einem Tal, der Nebel drückt und man sieht oder ahnt den Ausweg. Den Weg hinauf zu den Höhen und den Blumen. Und dann kommt sie, die wirkliche Welt. Einen solchen „Strom“ gibt es doch immer. Etwas, das einen abhält von seinem Vorhaben. Egal wie dringlich oder wünschenswert es wäre.


Seine Wellen sind gehoben,
Daß die Seele mir ergraust.

Ich kann doch nicht. Das kann ich nicht. Das geht nicht. All die Formeln des Verhinderns, gefeuert durch die Angst vor dem wilden Strom, der einen von seinem Ziel trennt. Das kennt jeder.



Einen Nachen seh ich schwanken,

Ein Nachen ist ein kleines Boot. Das musste der Lord seinerzeit erst einmal nachschlagen. Ja das macht aber Sinn. Auch solche kleine Hilfen, Brücken zum Glück oder Fährhilfen stellt uns das Leben oft bereit. Aber:


Aber ach! der Fährmann fehlt.

Man hat sein Ziel, man sieht den Weg und das Boot, das zur Hilfe bereit steht. Und doch. Steigt man frischen Mutes hinein und tut das einzig Richtige?

Wie oft wiederholte der Lord sogar mit entsprechender Betonung und auffordernder Aussprache gerade die folgenden Worte:


Frisch hinein und ohne Wanken,
Seine Segel sind beseelt.


Du mußt glauben, du mußt wagen,
Denn die Götter leihn kein Pfand,

Und erst die Jahre brachten das tiefe Verständnis der Begründung obiger Auffordeung, endlich ein zu steigen. „Die Götter leihn kein Pfand“. Nein, niemals! Da hilft kein Hoffen und Bangen, kein Lamentieren oder Beten. Hilf dir Selbst, DANN hilft dir Gott. Man kann im Leben nicht hadernd da hocken und hoffen und passiv bleiben. Man muss selbst etwas tun. Vielleicht wollen die Götter sehen, dass es einem Ernst ist, mit der Sache.


Nur ein Wunder kann dich tragen
In das schöne Wunderland.

Und das Wunder hat man selbst in der Hand. Der Anfang ist das Wunder. Wenn man den ersten Schritt selbst gemacht hat, dann nimmt das Boot Fahrt auf. Dann spürt man, wie beseelt die Segel sind.

Nur so kann man den Strom durchqueren. Nur so hat man eine Chance die Hügel, ewig jung und ewig grün, zu erreichen.

Ob es dann für einen wirklich das schöne Wunderland ist, wird sich zeigen. Verweigerte man aber den ersten Schritt in den Nachen, würde man das nie erfahren. Das Einzige, was dann ewig währte, sind die Wellen des Stromes, das Grausen der Seele und eine unbefriedigte, nagende Sehnsucht.

Danke für das wundervolle Gedicht:

Friedrich von Schiller

Und wer wissen möchte, wie der Lord die Gedanken aus dem Gedicht weiter verfolgt, ist herzlich eingeladen den Beitrag über Pessimismus und Hoffnung zu lesen.

15 Antworten auf „Ein Gedicht, eine Stimmung – passend zum Moment“

  1. Hallo Achim, sehr schön geschrieben, ich liebe Deine Posts.
    Ich glaube ich muss das Boot nehmen. Ein Gärtnermeister war hier, nun ist Kahlschlag. Letzten Winter hatte der Sturm eine Harlekin Weide entwurzelt. Sie viel in die Krone der Zierkirsche, das zerschlug die Krone, wir hatten die Äste mit Gurten gebunden. Es stehen nur noch die Stämme der beiden Kirschen mit ein wenig Ast da. Also keine Blüte, heuer. Die andre Weide ebenso, da machts ja nix.
    Die Mannshohen Buchs hatten gottseidank „ 3x klopf“, keinen Zünsler müssen aber auf den Stock geschnitten werden. Mich graust, ich glaube das lass ich den Gärtner machen. UUUps, der Schnittlauch ist immer noch im Topf, nun wohl entsorgen, den Schnittlauch, nicht den Topf.
    Viele Grüße aus Franken, Helga

    1. Hallo Helga,
      vielen lieben DAnk für deinen Kommentar. Das ist ja schön, wieder von dir zu hören, auch wenn ich erfahren muss, dass das Schnittlauch-Topf-Problem noch immer nicht gelöst ist…. also nach so langer Zeit, gönn den beiden doch ihre innige Zweisamkeit und amüsier dich drüber. Lass wachsen und gedeihen, was wächst und gedeiht. Du hast ja offensichtlich genug Dinge, die nicht mehr gedeihen. Mann das ist schade mit der Kirsche. Aber wenn ich mich richtig entsinne, kann es doch sein, dass die Kirsche auch wieder austreibt und neue Äste bringt. Ein Bekannter schneidet manchmal seine Kirschen auch ab bis auf den Stamm und 2 oder 3 ebenso dicke Äste und die werden auch wieder grüne Bäume. Warum den Buchs so zurück schneiden? Meiner ist leider nicht so Zünslerresistent und bekamm letztes Jahr eine Invasion davon ab. Der Buchs und ich schafften es, sie ab zu wehren, aber all seinNeuaustrieb war weggefressen, dann trieb er neu und ich schnitt ihn nicht mehr, weil dann schon später Herbst. JEtzt sieht er aus, wie alle nach monatelangem Corona-Friseurverbot aussehen….DA ist jetzt im Frühjahr auch ein Formschnitt nötig. Gut, dass es schon so angenehm ist draußen und man viel machen kann. Angenehm im Februar oder Anfang März ist für mich auch 8 oder 10 Grad und Sonne, das müssen gar keine 20 Grad sein, wie es ein paar Tage hatte. Die Hitze und Dürre kommt noch früh genug befürchte ich.
      Also schöne Zeit im Garten oder der Dachterrasse wünscht der Achim

  2. Moin Achim und danke für diese tiefgründige Interpretation! Hat mir sehr gut gefallen. Allerdings fühle ich mich auch an eine Erfahrung erinnert, die ich selbst schon unendlich oft gemacht habe. Ernst Bloch sagt in seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie: „Man nimmt sich mit, wohin man geht.“ Will sagen: Egal, wie rosig die Träume sind, Auch am schönsten Urlaubsort bleiben die täglichen persönlichen Kümmernisse. Schmerzen, Sorgen, Ängste – das volle Programm. Das wird auch das alljährliche neue Glück im Garten nicht ändern können. Aber es ist wenigstens immer wieder ein bisschen Glück!

    1. Hallo Gerd und vielen Dank für diesen wundervollen Satz. Oh ich könnte da Bände vollbringen mit meinen Gedanken dazu, viel zu viel um das hier nieder zu schreiben. Der Satz ist super. Ein Satz und man kann so viel damit anfangen. Tatsächlich, ja, auch ich kenne das, dass man sich nicht nur an die verschiedensten Ort mit hin nimmt. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass man sich auch durch alle Zeiten mit nimmt. Der kleine Schuljunge ist noch immer drin, auch wenn man viele viel Jahrzehnte weiter ist. Ist das schlimm? Muss man sich dagegen wehren? Muss man deswegen in Trauer und Frustratione verfallen?Ja und nein. Ja, wenn man sich gehen lässt und alles Negative pflegt und kultiviert und verfeinert, anstelle es zu integrieren und lernt damit zu leben, es zu nutzen oder zu akzeptieren (rede hier nicht von verbrecherischen, bösartigen oder selbstzerstörerischen negativen Dingen). Nein, wenn man dadurch eine Gewißheit hat, wer man eigentlich ist und DASS man ist . Gut ist es eben,wie mal jemdand sagte, wenn man aufhört etwas sein zu wollen und anfängt jemand zu sein. Jemand ist man nur mit allen Aspekten, wenn man die in sich integriert hat. Ich weiß, egal wohin ich gehe, wie ich auf welche Dinge reagiere. Das gibt mir Sicherheit.
      Vielleicht habe ich, angekommen auf den Höhen mit labender Luft tatsächlich noch immer die Sehnsucht in mir, nach noch besserem? Ich im Garten weiß aber zum Beispiel auch, ich habe mich druch alle Zeiten mit genommen und der GArten gehört zu mir. Mein ganzes Leben von den Kindheitstagen an gab es für micht nichts anderes. Diese Freude ist mir gewiss und wird es sein, egal wo ich bin (und tatsächlich war). ICH war immer dabei, wenn ich irgendwo war. Mein Umfeld sieht in mir ja einen Menschen,der eine Eigenheit an sich perfektionier hat. Was ich selbst komischer weise überhaupt nicht sehe und die anderen nicht verstehe, die das geschlossen behaupten. Es geht um den Pessimismus. Aber würde mir dann an deinen Worten sofort eine einzige und wichtige Antwort eingefallen sein? Die Antwort, dass das mitd en Kümmernissen und Ängsten stimmt, wie ich weiß. Aber dass dieser Satz doch auch so viel Hoffnung birgt, dass man ,wenn es mit den Sorgen klappt, man auch seine Hoffnungen (auf Höhen mit Düften), seine Freuden und sein Glück mit sich nimmt. Egwal wohin man geht und durch welche Lebens-Zeit man geht. Hätte man diese Kontinuititä im Ich und dann das Bewußtsein über genau diese und sein Ich nicht, wäre das glaube ich eine Erkrankung. Lass und weiter von den Höhen träumen und Kähne ersteigen, in der Hoffnung, das Wunder bringt uns dort hin…..
      Ich wünsche dir einen schönen Tag vielleicht ja sogagr im Garten. Liebe Grüße, Achim

  3. Lieber Achim,
    sehr schön dein Post und was für tolle Bilder.
    Sehr interessant sind deine Gegenüberstellungen – Winter- Sommer.
    Das Gedicht passt wirklich gut dazu.
    Ja, dass uns der Winter dieses Jahr mal wieder so erwischt,
    hätte ich nicht gedacht. Und so herrlich das Winterwunderland auch aussieht. Ich bin gespannt, was danach so im Garten überlebt.
    Diese tiefen Minusgrade sind nicht ohne.
    Ganz viele liebe Grüße von der Urte

    1. Liebe Urte,
      Danke schön für die KOmplimente und ja der Winter ist echt nicht ohne. Bisher waren -15° die Grenze, die ist aber diesmal locker geknackt. Da wird manches im Frühjahr eben nicht mehr austreiben und muss auch von der Liste gestrichen werden. Der Liste an Pflanzen, die ich haben kann. Auf der Liste dürfen nämliche keine Pflanzen stehen, die von Schnecken gefressen werden, keine Pflanzen, die Dürre und Gluthitze über Monate nicht überstehen, dann jetzt also auch keine Pflanzen die nicht bis sagen wir -20 °frosthart sind. Alles andere muss als Kübelpflanzen gehätschelt werden, was viel Arbeit macht und Ressourcen benötigt…..
      Aber immerhin, wo was kaputt ist, kann man Neues pflanzen, auch wieder schön oder?
      Liebe Grüße und toi toi toi für den Garten, der Achim

  4. Hallo Achim guten morgen, ein sehr schönes Gedicht und von dir wunderschön zerlegt und dabei die
    Jahreszeiten sehr schön in Verbindung gebracht.
    Kompliment super geschrieben,
    wann erscheint dein erstes Buch?

    1. Hallo Manfred, danke schön. Und naja für ein Buch müsste man wohl anderes schreiben, als ich hier in meinen ganz persönlichen Gedanken in meinem eigenen Blog.
      Schönen Tag noch und viele Grüße, Achim

      1. Ich bin der Meinung, dass du sehr verständlich schreibst, es muss nicht immer so sein, dass man ein Studium braucht um die ganzen Fremdwörter zu verstehen.
        Der Titel könnte doch lauten: Mein
        Garten in den vier Jahreszeiten.

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